der Freitag in der zweiten Osterwoche ist im Bistum Trier immer ein besonderer Gedenktag: "Der Heilige Rock"! Das klingt interessant und verstaubt zugleich, hat was von Altertum und ist zugleich doch schon wieder anziehend und bemerkenswert. Es geht dabei um die Stoffreste des Gewandes Jesu, das er vor der Kreuzigung getragen haben soll, und das - so sagt es das Johannesevangelium - von den römischen Soldaten nicht zerteilt wurde. Es war wohl sonst üblich, die wenigen Habseligkeiten der zum Tode verurteilten Menschen aufzuteilen. Beim Gewand Jesu wurde gelost, und einer wird's gewonnen haben. Hollywood hat daraus 1953 einen großen Monumentalfilm gemacht, den man früher eigentlich regelmäßig an Karfreitag im Fernsehen anschauen konnte. Alles lange her...
Damit Wissen und Traditionen auf lange Zeit hin nicht nur "lange her" sind, sondern in der Wahrnehmung der Menschen bleiben, wird die Erinnerung daran immer mal wieder (im besten Sinne des Wortes) ausgepackt. So auch in Trier. Die alte Römerstadt hatte das Glück, vom römischen Adel besonders gemocht zu werden. Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, hat an der Mosel gelebt und einen schönen Palast gehabt, den Sie zum Aufbewahrungsort für ein besonderes Mitbringsel von ihrer Reise ins Heilige Land machte: Das Gewand Jesu - der heilige Rock. Der Trierer Dom steht heute auf den Grundmauern dieses Palastes. Immer mal wieder hatte man im Laufe der Geschichte das Bedürfnis, nachzuschauen, ob das Andenken an Jesus Christus denn noch da ist. So ist die Tradition der Wallfahrten und Ausstellungen des Textils entstanden.
Heute vor 30 Jahren, am Heilig-Rock-Gedenktag 1996, wurde die vorletzte Wallfahrt eröffnet. Ich war damals als Student im Priesterseminar - und im Diplomsemester. Das hat uns alle damals aber nicht abgehalten, die 4 Wochen der Wallfahrt aktiv mitzugestalten und dabei ausgiebig zu erleben, wie vielfältig Kirche im Bistum Trier ist. Was zuerst vorsichtig als "Bistumswallfahrt" ausgeschrieben war (man wollte keine allzu großen Erwartungen schüren) hat sich dann zu einer Großveranstaltung entwickelt, zu der immer mehr Leute kamen. Am Abschlussabend wurde die Schließung des Doms um viele Stunden nach hinten verschoben, damit alle noch Gelegenheit hatten, den Rock zu sehen. Es war wirklich ein tolles "Fest", das wir als Studenten damals erlebt hatten - und in dessen Zentrum nie der Stoff, sondern immer Jesus Christus stand.
Die bisher letzte Wallfahrt war im Jahr 2012. Aus diesem Jahr stammt auch das Bild oben, das viele Menschen am hölzernen Schrein zeigt, in dem die Reliquie ausgestellt wurde. Was man an braunem Stoff sieht, ist ein verklebter mittelalterlicher Hüllstoff, in den die eigentlichen alten Stoffreste eingenäht sind. Damals prägte sich das Wort von der "Ikone". Der Heilige Rock sei eine Ikone, also ein Abbild für Jesus Christus. Wenn wir den Rock anschauen, dann sehen wir in ihm viel mehr, wir erkennen Jesus Christus, so sagten wir damals. In ihm hat Gott als Mensch auch irdische Kleider getragen. Das ist ein Zeichen für die Menschlichkeit Gottes, der Teil seiner Schöpfung geworden ist, um das Leben in der Schöpfung mit uns Menschen zu teilen.
Ikonen kennen wir als Bilder der orthodoxen KIrche. Dort sagt man: Wer eine Ikone betrachtet, schaut in die Ewigkeit. Man sieht einfach "mehr" als nur das Bild eines Heiligen oder einer biblischen Geschichte. Und so ist das mit dem Heiligen Rock auch. Wir halten uns nicht auf mit einem Stück Stoff, und mit der Diskussion, ob es sein kann, dass Jesus ausgerechnet diese Fasern an seinem Leib getragen hat. Stattdessen schätzen wir die jahrhundertealte Tradition und sehen in dem verfilzten und verklebten Textil den Gottessohn selbst, der sich nicht zu schade war, Mensch zu sein mit allen Konsequenzen, bis hin zu Verleumdung, falscher Anklage, Rufmord und öffentlicher Hinrichtung.
Bis heute gibt's das immernoch. Und noch immer gibt es vielen Menschen Trost, dass Gott das menschliche Leid kennt. Es tröstet dann aber auch, dass er Leid und Tod überwunden hat, den Weg aus dem Dunkel ins Licht gegangen ist und mit Ostern ein Statement für das Leben gesetzt hat.
Deshalb ist dieser Freitag der zweiten Osterwoche immer ein besonderer Tag in den Wochen der Osterzeit. Er holt die Bedeutung des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu aus dem biblischen Evangelium in das Leben unseres Bistums hinein, in dem eben seit mehr als 1600 Jahren ein Stück Stoff liegt, das uns anleitet, das eigene Leben - und das Leben der KIrche - mit der Liebe Gottes zu verweben.
Auf dem Hintergrund läßt sich viel ertragen...
"Jesus Christus, Heiland und Erlöser, erbarme dich über uns und über die ganze Welt. Gedenke deiner Christenheit und führe zusammen, was getrennt ist." (Pilgergebet aus Trier)
Den Kindern in Bad Salzig wünschen wir einen sonnigen Erstkommuniontag, und uns allen den Segen des dritten Ostersonntags.
Ihr/Euer Pastor Stefan Dumont
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