Dieses Foto der Giraffe habe ich schon lange in meinem Bilderfundus. Eigentlich nichts besonderes, aber ich hab's gern. Wie gelassen dieses riesige Tier da über die Strassenkuppe trabt... Was da wohl dahinter ist? Wie sieht's da aus? Was erwartet uns dort?
Unser Platz als Betrachter der Szene ist längst nicht so weitsichtig, wie der Platz oben auf dem Hügel. Wir schauen von unten gegen eine Wand und sehen noch nicht, was dahinter ist. Dass die Giraffe auf diesem Standpunkt schon mehr gesehen hat, als wir - diese Annahme macht den Reiz des Bildes aus. Weil ihr Hals so lang ist, nehmen wir an, dass sie viel früher schon wusste, was hinter dem Berg auf sie wartet. Unsereiner muss halt erstmal rauf, um zu sehen, was dahinter ist... Das kostet Zeit und Mühe - und Geduld.
Damit haben wir Menschen ja so unsere Mühe. Geduld aufzubringen gehört nicht zu unseren Stärken. Ich kenne das von mir auch. Wenn ich eine Sache angefangen habe, dann will ich sie auch gerne flott zu einem Ergebnis führen - selbst wenn ich noch gar nicht oben auf der Kuppe stehe und mir das Hinterland ansehen kann. Und weil der liebe Gott uns Menschen die "Weitsicht" eben nur in Kopf und Herz gelegt - uns aber keinen Giraffenhals mitgegeben hat, der die Dinge immer schon viel früher überblicken könnte - deshalb müssen wir oft lernen, Geduld zu üben. Natürlich möchten wir immer schon gleich wissen, was kommt, wie sich die Dinge entwickeln und wer beteiligt ist. Aber manchmal können wir sie nur ahnen, und noch nicht sehen. In den sozialen Netzwerken finden solche Situationen dann ihren Ausdruck...
Wenn nächste Woche die Ferien zu Ende gehen, dann werden wir bald merken, dass der vielzitierte "Alltag" uns alle ganz schnell wieder auf Touren bringt. Wie schnell ist unsere Geduld gefragt, weil die Dinge eben nicht alle immer gleich erledigt sind, weil wir nicht immer sofort alles wissen oder weil manche Entwicklungen sich einfach erstmal entwickeln müssen...
Da passt - so finde ich - dieses Gebet des amerikanischen Theologen Reinhold Niebhur (1941/1942), mit dem wir den Himmel um die Gabe der Geduld bitten können:
Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und Weisheit, um den Unterschied zwischen beidem zu erkennen.
Gott, gib mir die Geduld, einen Tag nach dem anderen zu leben, einen Moment nach dem anderen zu genießen, Beschwernis als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren, diese Welt, wie Jesus es tat, so anzunehmen, wie sie ist, darauf zu vertrauen, dass Du alles richtig machen wirst, wenn ich mich Deinem Willen hingebe, auf dass ich recht glücklich sein möge in diesem Leben und überglücklich mit Dir auf ewig im nächsten. Amen.
Einen gesegneten Sonntag und erholsame Gelassenheit für die letzte Ferienwoche wünscht Ihnen und Euch
Pastor Stefan Dumont
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