der erste Advent erwischt uns in der Stadt Boppard, aber auch im ganzen Land in einer Zeit, die uns eigentlich mehr in Sorgen und innere Unruhe versetzt, als dass sie zur üblich hektischen Besinnlichkeit verleitet. Dass die Welt in kleinen wie auch in großen Kontexten nicht in Ordnung ist, braucht man niemandem mehr zu sagen - das ist uns allen klar, und jede und jeder spürt es. Da kann dann auch die Idylle der vielen Lichter und Weihnachtsbäume nicht wirklich helfen. Mit den Konflikten und Verhandlungen um den Weltfrieden einerseits, und der Frage nach der Zukunft unseres Krankenhauses andererseits spannt sich ein Bogen der Sorge. Bei vielen Menschen ist dabei auch Angst vor dem, was da kommen wird, spürbar. Wir merken, dass diese Sorgen nicht irgendwo weit weg sind. Sie betreffen uns selber. Auch wir sind in unserer Lebenssicherheit angeknackst: Was immer selbstverständlich war, ist es jetzt nicht mehr.
Zuletzt hatten wir solch einen Zustand in der Corona-Zeit, da hat uns das damals unbekannte Virus kalt erwischt und weltweit Menschen um die eigene Existenz bangen lassen. Wir haben das hinter uns. Gott sei Dank! Doch es ist mal gerade erst 5 Jahre her, dass wir Weihnachten unter größtmöglichen Abständen voneinander gefeiert haben. Und nun holt uns die Unsicherheit in ganz anderen Zusammenhängen wieder ein. Schon wieder liegen Existenzsorgen über dem einst unbeschwerten Weihnachtsfest. Und auch, wenn der Weihnachtsschmuck überall noch üppiger, der Weihnachtsmarkt noch schöner und die Zahl der Veranstaltungen aller weihnachtlchen Art noch größer wird, wenn ein "Black Friday" mittlerweile schon 2 Wochen dauert und die Paketboten nicht mehr wissen, wie sie die Unmengen von guten Gaben unter die Leute bringen sollen - all das nimmt uns nicht die Sorge und Angst dieser Zeit.
Ich glaube, dass dem Advent heute wieder eine wertvolle und wichtige Funktion zukommt. Seine eigentliche Bedeutung als Zeit der Erwartung des je Größeren, und des bewußten Hörens auf die leisen Stimmen biblischer Geschichten und Verheißungen könnte er wieder voll entfalten. Wenn wir ihm (dem Advent) die Chance geben, und uns auf ihn einlassen, kann er uns innerlich bewegen, verändern, verwandeln.
SInd nicht die sichtbaren Auswirkungen der Krisen in unserer Zeit ganz ähnlich dem, was die Menschen in vielen Jahrhunderten auch durchgemacht haben? Die Anlässe waren ganz unterschiedlich, aber Angst und Sorgen gingen immer mit den Krisen jener Zeiten einher. Es galt damals wie heute, die Weihnachtsbotschaft in den Blick zu nehmen und das Leben darauf auszurichten, es vielleicht umzustellen, manche Einstellungen und Gewohnheiten zu korrigieren. Was dabei im Mittelpunkt steht, ist doch (fernab jeder Krippenromantik) die uralte Erfahrung von Menschen, dass wir einem Gott vertrauen können, der seine Solidarität mit den Menschen gezeigt hat, indem er sich hundertprozentig auf das Leben eingelassen hat und selbst "einer von uns" wurde, der prekäre Verhältnisse nicht scheute und unter ungewöhnlichen Umständen in diese Welt hinein geboren wurde.
Ist das nicht immernoch eine Ansage für heute? Kann uns das nicht helfen, mit den Krisen unserer Tage umzugehen und ihnen erhobenen Hauptes entgegen zu treten (vgl. Lk 21,28)? Nicht um sie kleinzureden, sondern um sie zu gestalten. Könnten wir nicht den Advent (auch wieder) dafür nutzen, uns echt innerlich mit dieser Weihnachtsbotschaft zu beschäftigen und sie an uns wirken zu lassen?
"Wann soll ich das denn alles noch machen?" - so könnten Sie jetzt fragen (vielleicht tun Sie das auch längst). Sich dieser Frage zu stellen, könnte schon der erste Schritt sein in die richtige Richtung. Und wenn Sie dann in Ihrem Tages- oder Wochenplan etwas Zeit freischaufeln, die Ihnen Raum, sich auf gute Adventsgedanken einzulassen, dann haben Sie angefangen umzusetzen, wozu der alte Adventsprophet Johannes der Täufer die Leute vor 2000 Jahren schon aufgerufen hatte: "Bereitet Gott einen Weg. Macht Platz, dass er zu Euch kommen kann, und dass Ihr ihm entgegen gehen könnt!"
Die eigene Offenheit dafür ist oftmals der erste Schritt, aber manchmal auch der schwerste...
Ich wünsche Ihnen, Euch und mir auch, dass es gelingt, in dieser prallvollen Adventszeit auch die Momente für uns selbst zu finden, die uns Gott und dem Weihnachtsgeheimnis näherbringen, und die uns fühlen lassen, dass er solidarisch an unserer Seite steht - hier in Boppard und in allen Brennpunkten der Welt.
Ihr & Euer Pastor
Stefan Dumont |