was für ein Chaos auf dem Bild. Soll das ein Osterbild sein?
Ja, es ist eines der ungewöhnlichen Bilder, die ich ganz persönlich mit Ostern verbinde. Ich habe es am Abend des Ostertages 2022 aufgenommen, und zwar in Namedy, einem Stadtteil von Andernach. Es war das letzte Mal, dass ich als Pastor damals dort Ostern mit der Gemeinde gestalten konnte, denn mein Wechsel nach Boppard war damals schon klar.
Der April 2022 war damals geprägt von den letzten Wellen der Corona-Pandemie und in Namedy herrschte Chaos und Leere dort, wo bis vor wenigen Tagen noch die Kirche aus den 1970er Jahren stand. Sie wurde abgerissen, weil ihre Erhaltung nicht zu bezahlen war. Man hatte sie damals an die alte KIrche aus dem 13. Jahrhundert drangebaut - und genau den Zustand wollten wir wieder herstellen: den alten Teil erhalten, den größeren Neubau allerdings abreißen. Dazu musste man aber erstmal viel reden und überzeugen, dann Abschied nehmen vom gewohnten Kirchenraum. Dann musste man die Kirche schließen, ausräumen und abreißen. Das sind BIlder, die die Menschen in Namedy, aber ich auch, nie vergessen werden. Das war wie ein Karfreitag...
An Ostern 2022 war der Platz der abgerissenen Kirche wie eine große Wunde im Ort. Weil im zukünftig zu nutzenden Altbau aus dem Mittelalter gleichzeitig schon Renovierungsarbeiten liefen, hatten wir in jenem Jahr keinen Ort, um Ostern zu feiern. Eine Möglichkeit war, sich auf die anderen Gemeinden aufzuteilen. Als ob Zerstreuung eine Lösung wäre...
Nein, die Leute wurden stattdessen selbst aktiv und haben beschlossen, am Abend des Ostertages eine kleine Auferstehungsandacht an der Baustelle zu feiern. Und die Osterkerze, die wir für diesen Anlaß besorgt haben, konnte nicht groß genug sein, denn sie war ein echtes Hoffnungszeichen - mitten im Chaos aus Staub, Beton und rostigem Eisen. Und dann stand sie auf einmal mittendrin und brannte. Man musste nicht viele Worte machen, das Zeichen sprach für sich selbst. Keiner konnte sich so richtig vorstellen und doch waren wir voller Hoffnung, dass aus dem ganzen Abbruch irgendwas gutes Neues entstehen könnte.
Dann, im Oktober desselben Jahres, haben wir die Kerze wieder angezündet - als wir die uralte KIrche nach der Innenrenovierung wieder eingeweiht haben. So schön, wie sie vielleicht selten vorher war. Bis draußen alles fertig war, hat es noch eine ganze Zeit gedauert. Aber auch das hat am Ende geklappt...
Ostern. Auferstehung. Neuanfang.
So hab ich damals eine für mich ganz neue Erfahrung von Ostern machen können. Sie hat mich nachhaltig beeindruckt, weil ich gemerkt habe, dass Abbruch und Abschied nicht bloß eine Etappe auf dem Weg zum Aufbruch und zu einer neuen Gestalt von irgendetwas sind, sondern dass sie von den Menschen tiefgründig erlebt werden. Da kann man auch nicht so einfach sagen, dass "alles wieder gut" wird, weil der Weg dahin noch voller Hindernisse sein kann, und das Ergebnis am Ende sicher niemals eins zu eins dem Ursprünglichen entspricht. Gerade deshalb braucht es Zeichen wie diese große Osterkerze in den Ruinen des Vergangenen und es braucht die Hoffnung und das Vertrauen, dass sie symbolhaft für eine Zukunft, einen Neuanfang und einen neuen Aufbruch steht. Es braucht die Menschen, denen es wichtig ist, mitten im Abbruch zusammen zu kommen, um vom neuen GottesOrt in ihrer Gemeinde zu träumen und die Sehnsucht danach wach zu halten.
Weil ich das damals wirklich intensiv spüren und begleiten durfte, ist dieses Foto oben für mich zu einem modernen Osterbild für die Kirche geworden.
Abbruch geschieht ja bei uns allenthalben. Auch hier in Boppard. Wir müssen dafür nichts abreißen - Gott sei Dank. Aber wir merken auch so, dass vieles immer weniger wird. Nach wie vor treten Menschen aus der Gemeinschaft der Kirche aus - und es sind nicht bloß die, die keine Beziehung zu ihr haben. Dass in der Basilika in diesem Jahr nur 9 Kinder zur Erstkommunion gehen werden, zeigt, wie weit die Entfremdung zur Gemeinde schon gekommen ist. Zum Trost: in Bad Salzig und im Niederkirchspiel sind es immerhin mehr Kinder, so dass wir insgesamt dann doch 44 Kinder auf diesem schönen Weg begleiten dürfen.
Oft ist der Rückbau, das Aufgeben und das Reduzieren die Wirklichkeit, über die Menschen miteinander reden (müssen), wenn's um Glaube, um Gemeinde und Kirche geht. Traurigkeit, dass vieles nicht mehr so ist, wie noch in früheren Zeiten, schwingt da mit. Da geht es uns wie den Emmaus-Jüngern...
Ich stelle mir in Gedanken dann immer eine Osterkerze vor, die ich symbolisch in die jeweilige Situation oder Begebenheit "reinstelle", um die es gerade geht. Eine Kerze, wie damals in der Baustelle von Namedy, die von der Hoffnung spricht, die damals die Gemeinde und ihren Pastor beflügelt hat, fest daran zu glauben, dass wir das hinbekommen mit dem Neuaufbau dessen, was erstmal abgerissen werden musste. Damit Platz ist für das Neue...
Haben Sie auch so ein Osterbild in Ihrem Bilderfundus - oder zumindest in Ihrer Erinnerung? Eine chaotische oder unüberschaubare Situation, die durch ein Symbol für Auferstehung und Neuanfang unterm Strich dann doch tragbar wurde und gestaltet werden konnte?
Ich wünsche Ihnen und Euch allen in diesem Sinne frohe und segensreiche Ostern voll Hoffnung und Zuversicht in einer Zeit, die überall chaotisch und unaufgeräumt ist. Holt Euch das Osterlicht und eine Osterkerze in den Kirchen unserer Pfarrei - und nehmt Anteil an der uralten Erfahrung so vieler Menschen, dass Ostern das Fest ist, an dem wir feiern, dass Gott weitermacht, wo wir am Ende sind.
Ihr/Euer Pastor Stefan Dumont |