Spiegelglatt ist der Rhein in diesen Tagen - wenn man morgens nachschaut, ob noch Wasser drinnen ist. Während vor Filsen und bei St. Goar und Oberwesel mehr und mehr vom Rhein verschwindet, zeigt er bei uns immerhin noch eine Menge Oberfläche, wenn auch ohne großen Tiefgang. Nur noch wenige Schiffe trauen sich, Kurs zu nehmen durch die schmale Fahrrinne, die ja durchaus noch mehr Wasser hat, als dass die Pegelangaben es vermuten lassen. Aber irgendeinen Richtwert braucht es ja. 17 cm waren es vorgestern, die der Pegel in Kaub angezeigt hat. Das klingt bedrohlich.
Der schwache Schiffsverkehr führt morgens ganz früh zu dieser wunderbaren Stille über dem Rhein. Nichts bringt das Wasser in Bewegung. Und so erscheinen die Ufer der Rheinschleife wie in einem Spiegel. Wie verletzlich dieser Moment ist, zeigt sich dann, wenn irgendwann doch ein Schiff kommt und Wellen produziert, oder wenn die Bauarbeiten in der Rheinallee beginnen und die Stille des frühen Morgens unterbrechen.
Viel früher als sonst im Jahr macht uns die Natur darauf aufmerksam, dass die Welt sich verändert. Die von Gott geschaffene auf jeden Fall. Das sehen wir, wenn Wasser fehlt und die Bäume an den Hängen schon Anfang August gelb werden.
Auch die vom Menschen gemachte Welt verändert sich mehr und mehr. Politik und Gesellschaft, Weltfrieden und Chancengleichheit. Alles steht irgendwie auf dem Spiel. Letzte Woche war der "Earth-Overshoot-Day", der Erdüberlastungstag, an dem statistisch gesehen alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht sind, die die Natur der Welt für ein Kalenderjahr zur Verfügung stellt. Seit 1. August leben wir schon von den Ressorcen des kommenden Jahres. Krieg und Terror gehen unvermindert weiter. Wie schnell man da mittendrin ist in Europa, haben wir die Woche auch gesehen. Drohnen, mit was auch immer ausgerüstet, kennen keine Grenzen. Auch nicht von Ost nach West. Dass künstliche Intelligenz nicht nur schöne Veranstaltungsplakate erschaffen können, sondern sich auch unkontrolliert Zugang zu fremden Computern verschaffen kann, kommt jetzt nicht ganz überraschend, aber dennoch ziemlich häufig vor in den letzten Wochen.
Mehr als noch vor ein paar Jahren sind die Verhältnisse in und für die Welt unheimlich fragil geworden. Jede und jeder, der nur einigermaßen wach durch's Leben geht, merkt das und verspürt eine gewissen Sorge und Unruhe.
Das Evangelium am kommenden Sonntag ist gleichsam die biblische Blaupause dazu. Wir lesen dort, dass auf dem See Genesareth viel Unruhe ist, das Boot mit den Fischern schwankt bedrohlich und alle haben Sorge, "denn sie hatten Gegenwind" (Mt 14,24).
Will man sich nicht zurückwerfen lassen, muss man sich dem Gegenwind entgegen stellen. Da hilft nichts anderes. Auch kein oberflächlicher Optimismus, der sagen will, dass es noch immer irgendwie gut gegangen ist. Solche gut gemeinten Weisheiten tragen den Menschen im Zweifelsfall nicht.
Hier braucht es mehr! Unser Glaube bietet uns den Blick auf das Kreuz an, das für uns Christenmenschen ein Zeichen dafür ist, dass Gott über den Tod und das Elend hinaus eine Perspektive schenkt. Jesus hat uns vorgemacht, dass dem Untergehen auch das Auferstehen folgen kann - für den, der Gottes Liebe wirklich Vertrauen schenkt.
In Momenten der Ratlosigkeit, die uns in diesen Wochen und Monaten ja spürbar zu schaffen macht, ist es vielleicht gar nicht so weit her, im Blick auf das Kreuz nicht nur die fromme Dekoration an der Wand zu sehen. Ich denke, es könnte es auch wie "die Hand Jesu" sein, der sich dem Petrus in der Erzählung vom See Genesareth entgegengestreckt hat, als er im Wasser unterzugehen drohte. Ein Angebot zum Festhalten - gerade dann, wenn uns eigentlich nach Zweifel und Aufgeben zumute ist. Ein Markenzeichen dafür, dass Gottvertrauen tiefer geht, als der einfache Optimismus, dass die Dinge sich schon irgendwie einrenken werden.
Vielleicht ist der Unterschied zwischen Optimismus und Gottvertrauen der, dass der Optimist durchaus gut abwarten kann, bis eine Talsohle durchschritten ist. Tiefes Gottvertrauen führt aber zum Handeln, zum ersten Schritt - und sei es der verrückte Versuch, auf dem Wasser zu gehen, so wie's der Petrus versucht hat. Ich wünsche mir dann, dass mir In so einem Moment Gott helfe, dass mein Vertrauen stärker sei, als der Zweifel. Denn dann kann ich weiter und mehr sehen, als nur den Sturm, der mich umgibt...
Vielleicht regt Sie der eine oder andere Gedanke zum eigenen Weiterdenken an. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall einen gesegneten Sonntag und eine gute neue Woche.
Ihr/Euer Pastor
Stefan Dumont
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