(...) Als Kirche ziehen wir uns nicht zurück. Im Gegenteil: Wir widersprechen, wenn Angst gegen Solidarität ausgespielt wird. Wir widersprechen, wenn Menschen gegeneinander in Stellung gebracht werden. Wir widersprechen, wenn demokratische Institutionen geschwächt werden. Das ist nicht links, das ist nichts rechts. Unser Maßstab ist weder Parteipolitik noch Ideologie, sondern das Evangelium und die damit verbundene unveräußerliche Würde jedes Menschen. Und ja, da dürfen und müssen wir auch manchmal anecken."
Lesenswert ist die ganze Rede, aber auf diesen Teil hier kommt es an, wenn man nach der klaren Orientierung sucht, die Kirche angesichts der bevorstehenden Wahlen anbietet.
Dabei geht es nicht um allgemeines "Bashing" einer Partei, in der viele enttäuschte Wähler eine Alternative zum etablierten Parteienangebot sehen. Übrigens sind unter diesen enttäuschten Wählerinnen und Wählern leider auch so manche kirchlich engagierte Menschen. Das macht die Sache noch viel brisanter, denn wir grenzen uns nicht nur pauschal von der AFD ab, sondern Kirche stellt auch so manchen der eigenen Leute die Frage, wofür ihr Herz wirklich schlägt.
Das Evangelium, das Bischof Wilmer in seiner Rede zurecht als einzigen Maßstab anlegt, stellt uns in der Messe am Sonntag eine eigene Perspektive vor Augen. Da geht es um den Arbeitslohn für den einen, der den ganzen Tag im Weinberg gearbeitet hat, und für den anderen, der "nur" eine Stunde gearbeitet hat. Beide sollen - so will es Jesus - den gleichen Lohn bekommen. Er sieht dabei nicht auf die effektive Arbeitsleistung, sondern auf den konkreten Menschen, um den es geht, und auf die Hintergründe, die dazu geführt haben, dass der andere nur eine Stunde arbeiten konnte. (vgl. Mt 20, 1-16).
Genau da wäre dann wieder die Frage nach der Würde jedes Menschen, die Bischof Wilmer in seiner Rede aufgeworfen hat. Unsere Gesellschaft hat ihren Maßstab, den Sachverhalt zu beurteilen, während die populistischen Versprecher der einfachsten Lösungen einen eigenen, scheinbar simplen Maßstab anlegen. Gott selbst geht nochmal ganz anders an die Sache ran...
Was wird dem Menschen wirklich gerecht? Was dient dem Leben aller? Wie teilen wir die uns geschenkten Güter und Ressourcen wirklich fair auf? Da stellen sich eine Menge Fragen, die hier jetzt nicht bearbeitet werden können, die aber mitgehen sollten in die Diskussionen und Auseinandersetzungen in Politik und Gesellschaft. Am Wahlabend ist dafür sicher kein Platz. Aber vielleicht ergibt sich für Sie und Euch in einer stillen Stunde mal die Gelegenheit, selbst darüber nachzudenken, ob der Maßstab Jesu nicht vielleicht doch eine Alternative sein kann. Eine eigene Meinung sollten wir schon haben, wenn wir am politischen Gespräch teilnehmen wollen...
Allen einen gesegneten Sonntag!
Ihr/Euer Pastor Stefan Dumont